5.
Aug
2016

Logbuch #24 Woche 4

Endspurt.

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War das jetzt ein Sprint? Oder taumeln wir auf den letzten Marathon-Metern Richtung Ziel? Es fühlt sich nach beidem an: eine Mischung aus ewiger Alltäglichkeit – der Weg zum Theater funktioniert schon im Halbschlaf – und der Erinnerung doch gerade eben erst die Kombination fürs Fahrradschloss bekommen zu haben.

Wir sammeln noch mal unsere Ideen und Kräfte und ziehen Bilanz.

Was haben wir geschafft? Was wollen wir noch schaffen? Sind wir mit unseren bisherigen Ergebnissen zufrieden? Konnten wir unserem Themenkomplex Ernährung-Lebensmittel-Backen formulierbare Erkenntnisse oder Ergebnisse abgewinnen?

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Ende der vierten Woche gibt es das Making-Of – nach unseren Recherchen und Versuchen in alle möglichen Richtungen ein klares Ziel und gleichzeitig auch ein Konflikt: Sollen wir das letzte Viertel unserer Zeit auf diesen Abend als Produkt hinarbeiten? Oder bleiben wir in unserem Recherche-Modus aus Try-and-Error?

Wie in unserer ersten Woche beginnen wir mit Diskussionen und merken: es hat sich eine gemeinsame Sprache hergestellt, ein Back-Sprech, ohne dass wir es gezielt darauf angelegt hätten. Jeder von uns hängt an einer anderen Idee, möchte etwas unterschiedliches ausformulieren, planen oder neu entstehen lassen und dennoch bewegen wir uns alle in der gleichen Backstube aus Referenzen, Verweisen und Erkenntnissen.

Die Arbeit mit unserem Mentor Paulo wirkt noch in jedem von uns nach. Die haptischen Ansätze der Arbeit mit ihm, sowohl was unsere Materie – Backwaren in allen möglichen Aggregatszuständen – als auch unsere Körper angeht, haben uns dem Thema näher gebracht und auf eine intime Art vertrauter gemacht. Der Umgang mit Thema und Material ist sensibler und gleichzeitig zupackender geworden.

Wir beschließen weitere Versuche – wann werden wir in der normalen, produktorientierten Produktionsmühle jemals wieder soviel Zeit und Muße nur fürs Ausprobieren haben? – und einen dokumentarischen Ansatz für den finalen Abend.

Dennoch merken wir gleich: es ist gar nicht so einfach, sich noch mal bewusst gegen das Präsentieren-Wollen/Müssen zu entscheiden.…
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26.
Jul
2016

Logbuch #24 Woche 3

Logbuch BACKSHOP – Woche 3

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Es ist viel zu heiß zum Arbeiten, aber wir haben die Zauberworte vergessen, wie wir den Backofen stoppen könnten… Wir verlegen die Proben in den Abend, um den heißesten Stunden zu entgehen. Paulo, unser Mentor, ist noch da und wir fangen an, die Erkenntnisse aus dem Intensiv-Workshop der zweiten Woche auf die Materialien Teig und Brot anzuwenden.

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Das inhaltliche Interesse weicht immer stärker einem formalen. Die Ästhetik des Materials fasziniert uns. Der Hefeteig ist z.B. in einer stetigen Veränderung. Er ist kaum zu animieren, da er sich ganz von alleine immer weiter bewegt, immer weiter wächst, wenn man ihn alleine lässt. Bekommt man ihn in die Finger, schrumpft er wieder zusammen. Wieder kneten, wieder warten. Eine Übung in Geduld. Innehalten. Warten.

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Bewegen. Stop. Motion. Eine Live-Kamera wird installiert, der Teig agiert jetzt für die Kamera. Körperteile der Performer kommen in den Bildausschnitt dazu. Finger werden zu Beinen. Der Teig zur Totenmaske. Am Ende des Herumexperimentierens steht die Frage im Raum, ob wir jetzt noch eine Pizza aus dem Teig backen wollen zum Abendessen. Wir entscheiden uns dagegen, irgendwie etwas komisch, einen Kollegen aufzuessen.

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Generell kommt das Thema „Kannibalismus“ in den letzten Tagen immer wieder auf. Mit Paulos Hilfe machen wir eine zweite Version des Mini-Stop-Motion-Films, in dem ein Brötchen von anderen aufgefressen wird.
https://www.youtube.com/watch?v=M8dhxc3G8jk
Auch hier wieder eine Übung in Geduld. In der Schwüle der Bonner Sommerhitze. Wir schauen Filme von Jan Švankmajer, u.a. einen wundervollen Stop Motion Film über Menschen, die anderen als „Ernährungsmaschinen“ dienen. Aus dem Bauch wird eine Wurst mit einem Aufzug nach oben gefahren, die dann aufgegessen wird. Wir experimentieren weiter mit der Verbindung von Körpern und Lebensmitteln, Teigmasken, etc.

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Am letzten Tag von Paulos Aufenthalt weiten wir die Animation auf weitere Gegenstände aus: Messer, Pfannen, Löffel. Ein Schneebesen hat ein Rendez-vous mit einem Dosenöffner, eine Pfanne wird mit zwei Händen als Beine zur grotesken Schildkröte.…
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20.
Jul
2016

Logbuch #24 Woche 2

Logbuch Woche 2

Weiterbacken. Weitermachen. Wir brauchen mehr Teig. Wir brauchen mehr Masse. Wir brauchen baufähiges Material. Bauen mit Teig ist schwieriger als gedacht. Ist er zu hart und dünn, kann man ihn nicht mehr kleben, ist er zu weich, fällt alles auseinander. Egal, weitermachen, ausprobieren, anderer Teig. Der Theatersaal verwandelt sich in eine Backstube.

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Eins ist klar: Zum Backen werden nur Bio-Eier gekauft, zu viele Dokus über schlecht behandelte und massengezüchtete Hühner gesehen… Luxusprobleme? Waschen wir uns so von unseren Sünden frei? Wie war das nochmal mit dem Ablasshandel?

Ähnliche Gedanken bei der Abholung zwei riesengroßer Kartons übriggebliebener Brötchen einer Bonner Bäckerei. Mit diesen Brötchen wollen wir Kunst machen. Brotpuppen, Brotlandschaften, Brot, Brot, Brot… Dennoch ist es fast nicht zu ertragen, dass man gleichzeitig weiß, normalerweise wird das alles weggeschmissen.

Lesen von Texten: Derrida, Mauss, Baudrillard, Baudelaire, Welthungerhilfe, Dambisa Moyo, Thilo Bode, Wolfgang Ullrich,…

Sind wir jetzt schlauer? Vieles haben wir schon mal gehört… vielleicht nicht so detailliert, aber dennoch kennen wir alle den teuflischen Kreislauf der Welt, der am Ende alle Probleme im Hunger zusammenführt: Exportinteressen der ersten Welt, Kriege überall, Abkommen wie das TTIP oder CETA, Korruption, 1+1=jeder macht seins. Und trotzdem rühmt man sich mit großen Summen für die Entwicklungshilfe.

Ein Gedanke, der uns interessant erscheint, ist das Motiv der „Gabe“. Gibt es sie überhaupt? Laut Derrida gibt es sie in einem Kreis der Ökonomie nur, wenn beide Seiten – also Geber und Empfänger – eigentlich nichts von der Gabe wissen. Sobald auch nur eine Seite weiß, dass sie z.B. „etwas Gutes getan hat“, befindet man sich im ökonomischen Kreis, der in erster Linie über Tausch definiert wird. In dem Moment, wo ich eine gute Tat vollführe, will ich unbewusst auch eine Gegenleistung, wie auch immer diese aussieht.

Gegen Ende der Woche ein neuer Input:

Erster Puppenworkshop mit Paulo Duarte.…
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13.
Jul
2016

Logbuch #24 Woche 1

BAKESHOP – THE LOG

Try-out-Videos on Bakeshop-channel:
https://www.youtube.com/channel/UCiETq6c5zUvHm-fh1DkWPlg

Bakerman is baking bread sagabona kunjani wena
bakerman is baking bread
you got to cool down take it easy
you got to cool down relax take it easy

Worum geht es, wenn man sich mit Essen beschäftigt bzw. noch spezifischer mit dessen Zubereitung, dem Backen?

#laeuftbeidir hiess früher „kriegst Du’s gebacken?“. Ohne hashtag.

In einer immer digitaleren Welt, in der man Lebensmittel bald mit Hilfe von RFID-Chips und ganz ohne einen anderen Menschen zu bemühen aus dem Supermarkt schleusen kann, ist backen beinahe ein Anachronismus.

Backen ist eine sehr analoge Beschäftigung. Ein haptischer Weg sich dem riesigen Komplex Nahrungsmittel zu nähern.

Wir haben bereits vor mehr als einem Jahr angefangen mit den ersten Überlegungen zu BACKSHOP. Es sollte um Lebensmittel gehen, um deren Konsum und Herstellung, um die physischen Notwendigkeiten, denen wir bei der Nahrungsaufnahme unterliegen, um den Überfluss auf der einen Seite und den Mangel auf der anderen.

Trotz aller Vorbereitungen oder vielleicht auch deswegen, stehen wir jetzt am Rand der Teigschüssel und gucken auf die riesige, klebrige, blasen werfende Diskursmasse unter uns, in die wir uns gleich stürzen werden.

Backen entschleunigt den Arbeitsprozess, immer wieder gibt es Phasen des Backens, des Aufgehens, des Wartens…ungewohnter Rhythmus, der gleichzeitig beruhigt, manchmal aber auch unruhig macht…man ist doch gewohnt, sich non stop in die Arbeit zu schmeißen…Momente des Nachdenkens, Reflektierens, die Ereignisse „sacken lassen“…

Es werden verschiedene Teigarten ausprobiert. Hefeteig, Knäckebrot, Lebkuchenteig. Kann man mit diesen Teigarten z.B. visuelle Landschaften erzeugen? Was können wir bauen? Was wollen wir bauen? Wieviel wollen wir bauen? Was für eine Beschaffenheit sollte der jeweilige Teig haben? Wir machen ein kritisches Projekt zum Thema Essen, backen aber selber was das Zeug hält, wir verschwenden Lebensmittel, um der Kunst willen. Wie können wir das thematisieren ohne moralisch zu sein? Wie figurativ sollen/können unsere Essens/ Backgebilde sein?…
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