19.
Jul
2013

Logbuch #7 – Woche 3

Woche 3

 

15. Juli:
Wir verbringen den Tag getrennt – Simon ist noch stimmlos und das Quartett probt in Hannover. Wir lesen nochmal und extrahieren Texte aus den TKÜs, die teilweise in den TAZ-Artikeln vorkommen. Wir beschäftigen uns mit der Hamitentheorie und der rassischen Unterteilung in Hutu und Tutsi durch die Deutschen und Belgier. Konradin findet die abgeschaltete Website der FDLR in einem Archiv und wir kopieren daraus die Selbstdefinition der FDLR und konstrastieren ihn mit der Definition der FDLR aus der GBA Anklageschrift.

 

16. Juli:
Simon stösst zu uns, das Quartett probt weiterhin in Hannover. Wir schreiben Szenen aus den rekonstruierten TKÜs zu den Themen homepage, Prozess, Satellitentelefone und Probleme mit Ehefrau. Wir versuchen verschiedene szenische Umsetzungen der Telefongespräche und landen schliesslich bei reinem Audio, die Schauspieler sind hinten im Kabuff und hören leise FFH im Hintergrund, während sie das Telefongespräch „führen“. Da die Texte in umständlichem Deutsch geschrieben sind (da übersetzt aus dem Kinyaruanda) vereinfachen wir leicht, behalten doch Metaphern. Wir schreiben ein Gespräch, dass von Alltagsproblemen und der Ehefrau zum messianischen Monolog Murwanahsyakas führt und überlegen, diesen Monolog mit Musik zu kombinieren. Wir verzahnen die Selbstdefinition der FDLR und die GBA-Version (siehe Montag) miteinander zu einer Art Definitionsbattle, mit Wörtern, die später von den Musikerinnen mitgesprochen werden sollen. Hier kristallisiert sich textlich ganz gut heraus, dass der Kampf der FDLR auch einer der Worte ist, nämlich ob sie eben eine Terrormiliz oder eine Exilregierung ist.

17. Juli:
heute sind wir endlich alle zusammen und die etwas zähe Textarbeit der letzten Tage löst sich ein in szenischen Versuchen. Wir machen zu Anfang eine kleine Einführung in die Geschichte Ruandas, hören uns dann das gesamte Musikmaterial zum ersten Mal in voller Besetzung an und probieren dann unterschiedliche Szenen aus der letzten Woche. Wir arbeiten am frühen nachmittag noch an der Zeugenbefragung, die ja mit einem Instrument nie so recht funktioniert hat.…
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12.
Jul
2013

Logbuch #7 – Woche 2

Woche 2:

8. Juli
Heute beginnen wir mit den ersten szenischen Versuchen. Wir bauen die Gerichtssituation auf der Bühne auf und benutzen (um das Video besser sehen zu können) die drei Scheinwerfer.

Wir basteln an der „Morseszene“ des Satzes „Alle Kongolesen werden an unsere Freunde angesehen….“ in der Komposition von Mathias Schubert. Ziel ist es, das Publikum am Entschlüsseln zu beteiligen. Während die beiden Musikerinnen die Szene anspielen (als Morsecode, auf einem Ton) ist Konradin als Entschlüsseler tätig, d.h. Er sprich die Buchstaben. Simon klopft den Takt mit einem Bleistift und tippt gleichzeitig, das was Konradin sagt. Das wird abgefilmt und projiziert. Er verschreibt sich oder Konradin entschlüsselt falsch, dadurch entstehen lauter kleine Fehler, die das entschlüsseln für den Zuschauer schwieriger machen.

9. Juli
Am Morgen haben wir die Szene wiederholt, da alle Szenen musikalisch genauer geprobt werden müssen. Dann haben wir uns mit dem auf fünf Minuten verlangsamten Staz aus demselben Funkspruch „Greift die Siedlungen an…humanitäre Katastrophe“ ebenfalls vertont von Mathias Schubert beschäftigt. Wir haben dafür noch keine zufriedenstellende Ästhethik gefunden. In der Setzung, dass Simon den Text unter großer Anstrengung spricht, Kathrin ihn auf der Giege spielt und Lisa das Celllo „hochhält“ als Funkmast hat sich nicht eingelöst, auch nicht als Konradin den Text in die Geige geritzt hat (Live Video). Wir überlegen also, die Szene chorischer zu versuchen morgen, d.h. Beide Schauspieler sprechen und alle vier Musikerinnen spielen, stellt sich die Frage ob das Publikum durch kleine Beschleunigung den Satz durch die Laute den Satz entschlüsseln kann. Kathrin hatte die Idee 10 Geigen als Opferzeugen am Anfang auf die Bühne zu bringen, in die die entsprechenden „Befehle“ zum Angriff eingeritzt sind. Wir hatten weiterhin die Idee, dass die Dramaturgie des Szenenwechsels musikalisch und nicht narrativ sein muss, zwischen den Szenen müssen sich unterschiedliche Energiezustände abwechseln. Wur überlegen Monologe unterschiedlicher Positionen einzufügen, so religiöse Predigten von M, eine Rede von der Verteidigerin A.…
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6.
Jul
2013

Logbuch #7 – Woche 1

1. Juli 2013
Um Mitternacht besteigen wir (Konradin Kunze, Lisa Stepf und Sophia Stepf)einen IC in Berlin Richtung Stuttgart. Um 6.45 morgens treffen wir Kathrin Pfänder am Frankfurter Hauptbahnhof und steigen in einen ICE in Stuttgart um. Um 9.30 sitzen wir im Saal 6 des Oberlandesgerichts Stuttgart, wo der Fall „Die Bundesanwaltschaft gegen Dr. Ignace Murwanashyaka und Straton Musoni“ in den 163. Verhandlungstag geht. An diesem Tag darf Murwanashyaka selbst einen ruandischen Zeugen befragen und tut dies ausgiebig – auf seiner Muttersprache Kinyarwanda. Der Zeuge ist ein ehemaliger FDLR-Kämpfer, der entführt und als Kadogo (Kindersoldat) eingesetzt wurde und schließlich nach Ruanda desertierte. Er war an einigen der im Prozess behandelten Kampfhandlungen direkt beteiligt und wurde dazu schon an den vorherigen Prozesstagen von den Staatsanwälten und den Richtern befragt – nun ist Murwanashyaka dran, gelegentlich unterstützt von seinen Anwälten. Der Übersetzer übersetzt Fragen und Antworten für die anderen Beteiligten im Gericht und wird dafür oftmals von der Verteidigung angegriffen, bzw. korrigiert. Schwierigkeiten in der Übersetzung und die Langsamkeit und Detailgenauigkeit, mit der dieser Prozess geführt wird, werden uns -fast schmerzlich- bewusst. Auch Bianca Schmolze, die seit zwei Jahren den Fall verfolgt und für die taz berichtet, ist immer wieder frustriert über die Strategien der Verteidigung, den Prozess in die Länge zu ziehen oder grundsätzlich in Frage zu stellen. Eine weitere Juristin ist anwesend, die von einer Menschenrechtsorganisationen bezahlt  wird, um den Prozess zu beobachten. Ansonsten ist der Zuschauerraum leer. Kaum jemand interessiert sich für diesen Präzedenzfall. Offenbar sind Gäste so außergewöhnlich, dass uns sogar der Staatsanwalt anspricht und will wissen, warum wir da sind.

Es sitzen 6 Richter, 4 Verteidiger, 2 Staatsanwälte, ein Übersetzer, der Zeuge und die zwei Angeklagten mit Bewachern und einem Justizhelfer da, unter dem Staatswappen Baden-Würtembergs. Sie alle wirken wie eine große – heute oft gelangweilte Familie – beim Abendbrot: eine gewisse Form ist vorhanden, in der sich die Beteiligten über den Tag immer mehr zu entspannen scheinen, es kommt zu Feindseligkeiten zwischen den Beteiligten und emotionalen Ausbrüchen.…
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