1.
Jun
2014

Logbuch #10 – Woche 5

Tag 17

Heute wird wieder voller Elan trainiert. Es geht in die Endphase meines Projektes. Direkt nach dem Tae Bo stürze ich mich auf die Körperarbeit und versuche erneut Breiviks Gesten zu imitieren. Die Zeit rennt und die Erfolge sind mäßig, daher setze ich mich hin und plane, wie und was ich konkret in dieser letzten Woche in den Mittelpunkt meiner Arbeit stellen möchte. Das Ergebnis: VIEL ZU VIEL. Mein Trainingsplan muss konkreter werden, ich habe nur noch wenig Zeit. Also zerbreche ich mir den Kopf, was zu tun ist, was Sinn macht, was verworfen werden kann.

Um trotz allem energiegeladen zu bleiben, setze ich die von Breivik empfohlenen „Motivationsspaziergänge“ mit in meinen Plan. Ob es hilft… Danach wieder die Projektionen beobachtet und versucht, Körperbilder zu kopieren. In Teilen noch zu unkonzentriert, unfokussiert, ungenau, zu wertend. Der Ausdruck bei den Djihadisten ist an die Bewegung des Mundes/Kiefer/Kopfes beim Sprechen rhythmisch gebunden. Bei der Auswertung fällt mir auf: Gesten ohne Sprache bzw. Mund und Mimik wirken sehr künstlich, fast wie ein synthetischer Körper, da auch hier mein Körper lediglich Aktionen ausführt, ohne klare innere Impulse und Haltung. Ich zeichne zur Selbstkontrolle meine Übung wieder auf Video auf und schaue sie mir gleich vor Ort an. Merkwürdig, die Kopie der Projektion als Projektion zu beobachten. Grrr. Kopfknoten!

Tag 18
Heute versuche ich mein morgendliches Work-Out mit dem gepanzerten Körper. Es ist unglaublich anstrengend und lange kann ich den Muskelpanzer nicht aufrechterhalten, mein Atem blockiert bzw. „rutscht“ nach oben. Bei manchen Übungen ist es jedoch hilfreich. Meine Schläge und Tritte sind viel gezielter und stärker, meine Bewegungen geführter. <

Danach beobachte ich die Aufzeichnung meines eigenen Modern-Warfare-2-Spielens. Erstaunlich, wie sich mein Gesicht in eine emotionslose Maske mit großen, konzentrierten Augen verwandelt. Keine Regung, obwohl ich gerade virtuelle „Menschen“ töte. Erschreckend. Ich sehe, wie ich im Computer verschwinde und damit aus der Realität.…
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26.
Mai
2014

Logbuch #10 – Woche 4

Tag 13
Einstieg in die neue Arbeitsperiode und ja! Training. Nach einem Tag Pause und mit Kopfschmerzen hat mich das Körpertraining am Ende komplett fertig gemacht. Alle guten Vorsätze scheinen dahin. Die Koordination stimmt nicht, die Konzentration und Präzision geht flöten. Ich habe gar keine Zeit auf meine Hüfthaltung und Beinarbeit zu achten. Das muß besser werden. Bin trotzdem froh, durchzuhalten.

Dann Filmaufnahmen von Breivik studiert und versucht nachzuahmen, anhand von in einer Dauerschleife gespielten Youtube-Videos des Gerichtsprozesses.  Haltungen, Rhythmus, Gesten, Blicke, Ticks, Ökonomie. Mir fällt besonders die Kopfhaltung und die unglaublich reduzierte Mimik auf. Bei meiner Imitation bin ich zu hektisch und unkontrolliert. Am besten funktionierte es, wenn ich mit der Vorstellung eines abgeschlossenen Körpers im “Überlegenheitsmodus“ (Hochstatus?) arbeite, bei gleichzeitigem Bewußtsein für die Präsentation oder besser ausgedrückt: dafür, angesehen zu werden.

Spekulationen über die „Bedeutung“ von Breiviks körperlichem Verhalten sind nicht wirklich hilfreich, entstehen aber automatisch. Seine enorm gefasste Art im Auftreten, Reden und die freundliche Art, die er im Umgang mit den Mitmenschen zeigt. Technisch wenige aber weiche Bewegungen, fester Rücken und Nacken, Druck in den Augen, hartes Gebiss (nicht zu hart), Atmung kontrolliert durch die Nase nach innen. Kein Händezittern, keine schnellen Bewegungen – er ist scheinbar nicht aufgeregt und verzieht kaum eine Miene in seinem runden und ebenen Gesicht, außer wenn er lächelt. Geführter schwerer Gang. Gepanzerter Körper über ungeformter innerer Weichheit. Fühlt sich an wie ein Junge im Bärenkostüm, welches eigentlich zu schwer für ihn ist, was er aber niemandem zeigen will.

Ich erforsche den gepanzerten Körper, aber wie finde ich eine gepanzerte Seele? Es scheint sich viel in Breivik abzuspielen, sichtbar ist dies nur durch seine schnellen Augenbewegungen und ab und zu an der Peripherie – nervöse Bewegungen mit den Daumen, wenn er in Handschellen steht und wartet, das Aufeinanderpressen und gegeneinander Verschieben der Lippen… sein Körper ist sehr fest, trotzdem sind seine Bewegungen nie hart oder abrupt, sondern sehr bedacht und reduziert.…
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21.
Mai
2014

Logbuch #10 – Woche 3

Tag 9

Heute habe ich den 3. Block meiner Arbeit hier begonnen. Die großen Arbeitsfelder sind abgesteckt, die methodische Linie skizziert, sie heißt es jetzt verfolgen…

© internil

Nach einem Tag Pause wieder morgendliches Tae-Bo-Training. Meine Erwartung, „mir würde das jetzt sicher viel leichter fallen“, wurde enttäuscht. Glaube heute extremer trainiert zu haben. Bin auf jeden Fall ziemlich kaputt. Konnte zwar einiges nach Ansicht der Aufnahmen verbessern. Aber es tun sich gleich neuen „Baustellen“ auf. Wichtig ist: Platz im Schulterraum und Becken, Entspannung im oberen Torso, Aufmerksamkeit und Spannung im Zentrum, Mobilisierung des Beckens. Und: Atmen. Atmen. Atmen. Komme in der Choreografie mittlerweile gut mit, aber erschöpft bin ich trotzdem. Je mehr ich meinen Körper trainiere, desto mehr Aggression baut sich auf. Komisch.

Danach verfeinere ich meine Arbeit am virtuellen Körper, indem ich mir meinen Körper als Skelett    vorstelle. Ich suche mir Punkte in den Gelenken, von denen die einzelne Bewegungen ausgehen.

Die virtuellen Bewegungen haben immer ein Anfang und ein Ende, sie schleifen nie ineinander über. Man darf das natürlich nicht übertreiben, sonst sieht man aus wie ein Roboter oder eine Puppe. Es sind eher leichte Toks. Da ich vom Tae Bo noch ziemlich kaputt bin, fühlen sich meine Glieder heute extrem schwer an und von Schwerelosigkeit kann man nicht mal ansatzweise sprechen. LOL. Ich versuche mich auch hier auf meine Mitte zu konzentrieren, da auch diese Bewegungen vom Zentrum gesteuert werden. Innere Spannung und gleichzeitige Vorstellung von Schwerelosigkeit verlangt sehr viel Konzentration.

Wiederhole die im letzten Block gelernten Lieder von Saga und Abu Malik. Das google-übersetzte Lied „Drömmernas Stig“ von Saga hat sich trotz zweifelhafter Grammatik besser im Gehirn abgesetzt. Wahrscheinlich liegt es an der einfachen und eingängigen Popmelodie, die mir fast immer im Kopf herumschwirrt. Eine schlaue Sache, Frau Schwedin, die rechtsradikalen Texte in sexy Outfit und Pop zu packen.…
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15.
Mai
2014

Logbuch #10 – Woche 2

08.05.2014

Seit fünf Tagen arbeite ich jetzt intensiv für mein Projekt. Langsam merke ich, wie ich anfange, mich in dem Material leichter zu bewegen. Es tat aber auch gut, zwischendurch einen Tag frei zu haben, bevor ich heute mit neuer Kraft einsteigen konnte.

Das Konditions- und Krafttraining fiel mir dann doch unerwartet schwer. Nach dem Studium der Videoaufnahmen des letzten Blockes hatte ich mir einige Arbeitsschwerpunkte gesetzt, um an meiner körperlichen Form zu arbeiten, was mich jedoch gefühlsmäßig eher zurückwarf, z.B. im Gleichgewicht der seitlichen Tritte. Doch es ist im Verlauf eines Lernprozesses wohl unvermeidlich, das Pendeln: zwischen gesteigerter Sicherheit oder Gewissheit und erneuter Verunsicherung hin und her zu schwingen. Meine Punches waren gezielter und entwickeln sich zunehmend in Richtung Kampf, weg vom Sport. Das finde ich gut. Nach dem Training nehme ich mittlerweile, wie von Breivik empfohlen, Eiweißpulver als Drink zum Muskelaufbau ein. Danach schoss ich heute ich, wie ich aus seinem Manifest gelernt habe, ein Foto für PR-Zwecke.

Später vertiefte ich meine Untersuchungen zum muskulär gepanzerten Körper. Es gelingt mir, mit konkreten bildlichen Vorstellungen den “Panzer“ vom Boden aus auf- und umgekehrt wieder abzubauen. Zusätzliche „Waffen“ (Stäbe/Stöcke) helfen bei der Spannung. Außerdem habe ich festgestellt, dass der voll gepanzerte Körper handlungsunfähig ist und eher komisch/lächerlich wirkt. Was hilft, ist die Vorstellung von einer „animalischen Bereitschaftsspannung“. Sie drückt sich über eine Art „Vorkontraktion“ aus, die zugleich potentielle Stärke und Reaktionsfähigkeit vermittelt. Zwischendurch noch mit dem digitalen Körper experimentiert und beobachtet, wie seine Bewegungen intentionslos aus dem Zentrum heraus gesteuert sind. Gar nicht einfach, das zu imitieren.

Nach der Mittagspause Breiviks Stellungnahme vor Gericht studiert. Es ist erstaunlich und fast komisch, zwischen Breiviks Äußerungen über seinen Kampf gegen die Islamisierung und das lange Versagen der Regierungen Europas immer wieder die gestelzte Sprache der Gerichtsbarkeit zu lesen. Ich beginne, eine Empathie für die Opfer zu entwickeln.
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8.
Mai
2014

Logbuch #10 – Woche 1

1. Arbeitsperiode
Dieses Forschungstagebuch ist in der Form eines „Ich-Erzählers“ geschrieben. Die Inhalte, Ansichten und Fragestellungen wurden aus den persönlichen Tagebüchern der insgesamt 4 Projektteil­nehmenden kopiert und zusammengefügt – ähnlich zur Herstellungsweise von Anders Breiviks „2083“, der dieses ebenfalls zum großen Teil aus den Schriften und dem Gedankengut anderer erstellt hat.

3.5.2014

Der erste Tag beginnt mit einer doch ziemlich intensiven körperlichen Trainingseinheit, „Billy Blanks Tae Bo Cardio Workout“. Die mir unglaublich Spaß macht: wenn man sich einmal aufgerafft hat, ist Sport etwas wunderbares. Um alte Gedanken in Berlin zu lassen und um den Einstieg ins Stipendium einzuläuten, hab ich mir gleich gestern die Haare auf 6 mm abrasiert.

Die köperliche Arbeit besteht im groben aus Muskelaufbau, Ausdauersport und vor allem Selbstwahrnehmung. Hier zeigt sich, wie aus wie vielen Elementen, Sinnen, Gliedern ein Körper besteht und wie eingeschränkt bzw. vorgeprägt meine Wahrnehmung ist. Das Gefühl der Unzulänglichkeit des eigenen Körpers ist omnipräsent. Die körperliche Arbeit findet im Theater statt, der Raum ist durch seine Größe ideal. Das Tae-Bo-Anleitungsvideo wird vom Beamer auf eine 5×5 Meter große Leinwand projiziert. Mir vermittelt das schnell ein Gefühl im Fitnessstudio zu sein, und die abgefilmten Personen werden für mich reale Trainingspartner. Ich bewerte sie sogar und vergleiche ihre Agilität mit der meinen. Der Schluss:  Bis zu einem kampfbereiten Körper ist es wohl noch ein langer Weg.

Dann erstes Erforschen von gepanzertem und offenem Körper. Auf der einen Seite  der ideale gepanzerte Körper, geschützt vor der eigenen Schwäche durch Muskelanspannung. Auf der anderen Seite der offene kulturmarxistische Körper. Fortlaufend neue Verhältnisse produzierend, die alle auch immer Selbstreferenz sind. Dann der Umgang mit dem digitalen Körper, diesen werde ich erst morgen beginnen. Zum Schluss denke ich noch über die unterschiedliche Wahrnehmung von Durchlässigkeit und Aggression nach.

Inhaltlich beschäftige ich mich mit dem 3. Teil des Kompendiums „2083“ von Breivik.…
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