Logbuch #31 Woche 1

Woche  01.
Bodies We Fail
Logbuch

Montag 7. August
Anreise nach und Ankommen in Bielefeld.
Treffen mit dem Flausenverband und dem Theaterlabor Bielefeld.

Dienstag 8. August
Nach unserer gestrigen Ankunft aus verschiedenen verrückten Kontexten sammeln wir uns im Theaterlabor Bielefeld um gemeinsam mit der Recherche zu BODIES WE FAIL zu beginnen. Die Auseinandersetzung mit scheinbar gescheiterten, oder nicht der Norm entsprechenden Körpern und die Frage, wie genau die spezifischen Eigenheit, die Beschaffenheit, das “Scheitern” dieser Körper als besonderer “Skill” und als Form der Virtuosität definiert werden können, bildet die Augsgangslage für unsere Arbeit hier. Spezifischer formulieren wir für die kommende Arbeitswoche folgende Fragen zu Monströsität und Virtuosität:

MONSTRÖS
Was ist ein Monster?
Was macht ein Monster aus ?
Welche Attribute lassen es uns als solches erkennen?
Was ist monströse Situation?
Gibt es monströse Zustände, sowohl körperliche als auch geistige?
Welche Vergangenheit und Geschichte hat das Monströsen in Kunst, Kultur und Gesellschaft?
Wie sieht ein zeitgenössisches Monster aus?
Wie und warum taucht das Monströse in Kultur, Popkultur und zeitgenössischer Kunst auf, zb. Wie in
Musikvideos von “die antwoord” und “arca” aber auch in Arbeiten von Mathew Barney.
Gibt es es ein Ästhetik des Monströsen?
Welche Rolle spielt das Monster in unserer Gesellschaft?
Welche Funktion hat das Monster innerhalb sozialen Lebens?
Brauchen wir Monster? Brauchen wir Freaks, und warum?
Welche Rolle spielt Voyeurismus gegenüber als monströs definierten Körpern?
Wie betrachten wir Monster?
Betrachten wir sie wie wir Tiere betrachten?

VIRTUOS
“Ein Virtuose ist jemand, der eine bestimmte Fähigkeit bis zur Perfektion oder mithilfe einer besonderen
Musikalität und Technik beherrscht “ wikipedia
Könnten wir über Körper, die von bestimmten Fähigkeiten ausgeschlossen sind als Träger einer ganz
neuen und eigenen Virtuosität sprechen?
Was verstehen wir unter Virtuosität?
Wiekönnen wir eine Virtuosität entwickeln, die der spezifischen Konstitution unseres Körpers entspricht?
Wie können wir mit der Eigensinnigkeit des Körpers arbeiten?
Wie können wir
Wenn wir unter Virtuosität das meisterhafte Beherrschen einer bestimmten Technik verstehen, wie
könnten wir eine meisterhafte tecné für unsere eigenen Körper entwickeln und virtuose Bewohner
unserer eigenen Körper werden?
Wäre diese Meisterhaftigkeit, diese Virtuosität des Eigenen von Außen erkennbar?
Kann performatives Arbeiten den Blick auf Körper, die normalerweise als gescheitert und ohne besondere
Meisterhaftigkeit wahrgenommen werden, verändern?
Könnte Genuss und Freude am eigenen Körper Virtuosität herstellen ?
Wie könnten Techniken und styles wie Krumping, Voguing und Wacking in denen Stolz auf und
Affirmation des Körpers im Vordergrund stehen uns in der körperlichen Recherche helfen?

Im Gespräch bemerken wir eine wichtigen Zusammenhang zwischen dem Phänomen des Monströsen und dem Phänomen des Wunderbaren. Beide Phänomene brechen mit der Ordnung der Natur, stellen ein ausserordentliche Ausnahme dar, die auch unsere Konstruktion der Idee von Natur und Natürlichkeit in Frage stellt.
Was ist die einzigartig-spezifische Virtuosität eines Körpers, der außerhalb der  konstruirten Norm dessen, was als natürlich gilt, existiert?
Im Gespräch mit unserem Mentor Gustavo definieren wir, welche die Rolle des Mentors für unsere Gruppe ist und wie wir zusammen arbeiten wollen. Die Zusammenarbeit mit einem Mentor bedeutet für uns in erster Linie den Austausch mit einer Person, die anders als wir in den Prozess involviert ist – uns interessiert das Herstellen verschiedener gedanklicher Perspektiven. Eine erweiterbare Literatur- und Filmliste dient als
Referenzpunkt und Ressource für uns und unseren Mentor Gustavo:

LITERATUR UND FILMLISTE ZU BODIES WE FAIL
Filme
Ulrich Seidl – Paradies Hoffnung
Catherine Breillat – À ma soeur
Lars van Trier – Idioten
Lee Daniels – precious
Bruce la Bruce – Otto, or up with dead people
David Lynch – Elephant man
Tim Burton- Edward Scissorhands
Jonathan Glaser- Under the Skin
À línterieur – Julien maury and Alexandre Bustillo
Fat Figthers as part of little Britain

Texte
Boyan Manchev – Pornoscopy of performance
Jules Sturm- bodies we fail
Judith Halberstamm – Queer art of failure
Rebecca Schneider – The explicit Body in performance
Oxana Timofeevna – History of animals
Sigmund Freud – Das Unheimliche
Gloria E. Anzaldua – Borderlands / La Frontera
Lorraine J. Daston &Katherine Park – Wonders and the Order of nature

Mittwoch 9. August
Nach einem warm up , Kundalini Yoga, sichten wir gemeinsam Material das in unserer letzten Residenz in Wien enststanden ist und mit dem wir gerne weiterarbeiten wollen.
Wir arbeiten an einer Verkörperung des Monströsen / des Freaks durch die Anlehnung an die Technik des Krumping , in der der Einsatz des Gesichtes , das Wiederholen Von Gesten und Bewegungen und die Artifizialisierung des Körpers wichtige Komponenten sind.
Gemeinsam und individuell, einander beobachtend untersuchen wir verschiedene Konstellationen im Raum.

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Inspiriert durch Fotos (siehe oben) denken wir über das räumliche ins Szene – Setzen von Monstrosität nach und arbeiten in einem räumlichen Szenario von Chaos weiter an unser Bewegungsrecherche .

Anschliessende Arbeiten im Raum, Vorhänge , Licht , Sound
Abends sehen wir Lars von Trier “idioten”

 

Donnerstag 10. August
Was macht ein Monster visuell aus? Wie taucht das Monster in Kultur und Popkultur auf, zum Beispiel in Videos von “die Antwoord” oder “Arca” oder auch in Arbeiten von Matthew Barney. Welche visuellen Attribute machen den Körper monströs?

Gibt es ein Ästhetik des Monströsen? Um diese Fragen zu beantworten haben wir uns mit verschiedenen Möglichkeiten der Entstellung des Körpers und des Gesichts beschäftigt:

1. Bewegungsrecherche
2. Recherche von Kostümen , Masken, Bildern aus zeitgenössischer Photographie und Kunst
3. Erstellen eines Monster – Archivs aus Photos (siehe Auszüge aus dieser Sammlung im pdf Monster Archiv ) das zur Inspiration dienen soll.

Bei der Recherche im Bereich von Kostümen stiessen wir auch auf das Phänomen des “ Fatsuits” Wir finden den Fatsuit deswegen interessant weil es ein Kostüm ist der bestimmte Körper diskriminiert , wie z.B. auch ein Afro . Warum gibt es keinen Thin – Suit? Das man sich als dicker Mensch verkleiden kann , dass es Faschingskostüme gibt, die eine bestimmte Konstitution zu einer Karikatur entstellen, zeugt von einem tiefen
Vorurteil oder Verurteilung gegenüber Körpern, die anders sind als die “Norm.”

Auf der Suche nach einem Fatsuit stiessen wir auf die Website von Dr. Sascha Filz , der
Sensibilisierungsprozesse und Perspektivenwechsel anbietet: durch das Tragen eines Anzugs kann beispielsweise körperlich die Erfahrung gemacht werden in einem alten oder einem übergewichtigen Körper zu sein. Wir sprachen mit Dr Filz lange über die Wahrnehmung von Körpern ausserhalb der Norm in den westlichen, industrialisierten Ländern. Aus diesem für uns sehr interessanten Gespräch im folgenden frei
zitiert:

“ Meiner Erfahrung nach sind Menschen die sozusagen behindert, ich würde eher sagen die “anders” sind, viele früher und viel direkter mit Grenzen und mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert. Sie müssen sich also auch viel früher fragen , was das Leben lebenswert macht. Sie müssen sich viel früher dazu entscheiden mit ihrem Körper zu leben , mit der Endlichkeit des Lebens zu leben . “

“ Ärzte sind in meiner Erfahrung keine offenen Menschen. Um Medizin zu studieren muss man nicht unbedingt klug sein, sondern vor allem innerhalb eines bestimmten Lernsystems funktionieren können. Wenn ich eine eins im Abi haben will, hilft es mir nicht fernab zu denken. Das Denken der Schulmedizin ist zielorientiert. Mediziner denken an Ziele, aber nicht daran andere Perspektiven einzunehmen. In ihrem Verständnis von Produktivität wäre das kontraproduktiv. Das Gesundheitssystem ist ein krankes System.”

“ In den Industrieländern ist die grösste Tugend Leistungsfähigkeit, es gibt aber Länder wie zum Beispiel Japan, in denen das Alter an sich ein bestehender Wert ist.”

Nach dem Gespräch mit Dr. Filz beschliessen wir, das es für uns relevant sein könnte, mit Menschen aus verscheidenen Fachbereichen zu sprechen, die sich beruflich mit dem menschlichen Körper auseinandersetzen und uns unterschiediche Perspektiven auf den Körper eröffnen können.
So zum Beispiel Schönheitchirurgen, Therapeuten etc.

Freitag 11. August
Wir beschäftigen uns mit den von uns formulierten Fragen zu Virtuosität, wie zB.: Was ist die einzigartigspezifische Virtuosität eines Körpers, der außerhalb der konstruierten Norm dessen, was als natürlich gilt, existiert? Wie verstehen wir Virtuosität? Wie können wir eine Virtuosität entwickeln, die der spezifischen Konstitutuion unseres Körpers entspricht? Etc.
Referenz ist uns dabei auch Auszug aus “Bodies We Fail” von Jules Sturm :

“I use the negatively connoted concept of the monster as a means of corruption; with the monster figure I aim to corrupt the meaning of normal bodies. The concept of the monstrous body further allows me to reconsider how bodies are commonly read and interpreted. The monster embodies a plurality of differences and challenges categories of humanity, race, age, sexuality, gender and the subject, categories that are intrinsically linked to corporeality. Although the figure of the monster has long been a familiar and welcome subject in popular culture, it is in its role as a concept – the monstrous – that it is most disruptive”

Wir beginnne mit einem Warm – up, einer Praxis in der wir durch das Insisitieren auf Kontinuiität des Körpers (non stopping) in extremen Tempo und extremer Verlangsamung, einen Zustand erzeugen wollen, in dem Impulsivität und Intuition, unmittelbare Empfindungen und das Denken des Körpers im Vordergrund stehen. Wir arbeiten mit dem Körper als Instrument für Veränderung, der mit jedem Impuls, visuell, taktil or gedanklich umgeht und sich so ständig verändert. Diese Form des Switching erzeugt verschiedene Formen, Zustände und Konstellation, die sich zwischen Narration und Abstraktion bewegen. Die Praxis des Fast and Slow betrachten wir auch als Form des Trainings einer virtuosen Aufmerksamkeit.

Hiernach arbeiten wir mit verschiedenen Bewegungs und Stimm – recherchen und Tasks an der Idee des Virtuosen. Hierbei befragen wir indviduell, einander beobachtend, aber auch gemeinsam die Eigensinnigkeit unserer Körper. Den Umgang mit Objekten nutzen wir um diese Tasks zu erweitern. Die Handhabung betsimmter Objekte wird oft als selbstverständlich betrachtet wird aber für Menschen mit körperlichen Einschränkungen ganz anders erlebt.

Wir entwickeln im Laufe des Nachmittags eine Praxis die wir /inspiriert durch Lars van Triers “Idioten”) “ practicing the idiot” nennen, in der wir versuchen, Unfälle und nicht kohärente Bewegungsabläufe zu entwickeln. Wir arbeiten daran hierbei eine Viruosität zu entwickeln.

Die Gruppe sammelt visuelle Eindrücke im Monsterarchive. Hier das Monsterarchive Nr 1.